Patrick Bönki, Sozialarbeiter
Am Neumarkt 34
Recklinghausen-Süd
Telefon: 02361 31302
E-Mail: patrick.boenki@skf-recklinghausen.de
Die Scham bleibt
Tafel-Helfer freuen sich nach dem Umzug über die schöneren Räume an der Herner Straße
Von Ulrike Geburek
"Arm sein, ist scheiße. Schreiben Sie das, aber genau das." Der Mann sieht unglücklich aus. Und verloren, wie er da im Pulk von Menschen steht. Mehr als 80 drängen sich schon wenige Minuten nach Öffnen der Tafel in den neuen, größeren und helleren Räumen an der Herner Straße. Geduldig zeigen sie ihren grünen Berechtigungsausweis. Dann dürfen sie günstig einkaufen.
So auch der Mann in der blauen Jacke. Die hat schon bessere Tage gesehen. "Für Kleidung bleibt nicht genug Geld", erzählt der 54-Jährige weiter. Wütend ist er. Auf Gott und die Welt und vor allem auf seine ehemalige Firma. "Plötzlich war keine Arbeit mehr da", sagt er und lacht freudlos, "und ich saß auf der Straße. Ich konnte gar nichts dafür." Einen neuen Job hat der Handwerker nicht gefunden. "Ich bin offenbar zu alt", erklärt er und dreht den kleinen Ausweis nervös in den Händen. Mit Hartz IV kommt seine Familie "vorne und hinten" nicht aus.
Zum Glück ist da die Tafel des Sozialdienstes katholischer Frauen. Die zog Mitte Oktober von der Kemnastraße an die Herner Straße in ein besseres Ladenlokal. "Hier ist der Einkauf nun viel angenehmer", betont Sozialarbeiter Patrick Bönki und schaut sich zufrieden um. Die zehn Engagierten haben die gespendeten Waren bereits sortiert, Obst und Gemüse in die Regale geräumt, Wurst und Käse liegen griffbereit, ebenso Brot und Kuchen. Immer wieder montags und donnerstags. Und das zu einem Zehntel des ursprünglichen Preises.
"Was möchten Sie? Von jedem etwas?", fragt Annette Büttner und blickt eine junge Frau an. Die 61-Jährige konnte ihren (Un-)Ruhestand ohne Ehrenamt nicht genießen. "Hier habe ich wieder Kollegen, das ist schön", sagt sie und fasst tief in die Tomaten-Kiste. Diesmal verteilt sie an der Seite von Gabriele Rüger die Bananen und die Ananas, den Salat und den Lauch für wenige Cent. Die 60-Jährige ist seit vier Jahren dabei. "Ich helfe gerne, denn Armut kann jeden treffen, und ich bin froh, dass ich nicht diese grüne Karte habe."
Aber der Mann in dem gelben Anorak hat sie. Eine von rund 1 300. Und eine "schlechte" Nummer noch dazu. Die 147. "Hier geht ja gar nichts voran", schimpft er. Bis zu 160 Zettel teilt das Team jedes Mal aus. Ein Trost: Für den nächsten Einkauf darf der Recklinghäuser in den Korb mit den niedrigeren Zahlen greifen.
"Heute haben wir wenig Brot", meint Gisela Bassler (70) und zählt Brötchen ab. Trotzdem sind die Regale voll. Dank rund 40 Händlern, die überschüssige Lebensmittel spenden, anstatt sie wegzuwerfen. Neben ihr an der Kühltruhe überreichen Maria Klatt (76) und Maria Föcker (66) Käse und Wurst, Joghurt und Fleisch. Gemeinsam mit Annerose Thiemann (65) helfen sie im Auftrag der Kolpingsfamilie. "Es ist hart, wenn die Menschen mehr kaufen möchten, als wir herausgeben können", berichtet Maria Föcker, die sich manchmal aber auch über das Anspruchsdenken einiger Kunden ärgert, sich etwas mehr "Bitte" und "Danke" wünscht. Plötzlich hält sie eine Trüffel-Leberwurst in den Händen. "Die sieht lecker aus."
Organisatorin Bärbel Becker gehen die Diskussionen über die Menge ebenfalls unter die Haut. "Doch wir dürfen nicht vergessen, dass wir hier eigentlich eine zusätzliche Versorgung anbieten", sagt die 51-Jährige und nickt entschieden. Dann seufzt sie. "Aber das ist leider nur selten der Fall. Wenn wir 140 Kunden haben, sind das 140 Schicksale, die in der Regel ganz auf uns angewiesen sind."
Ohne die Tafel wäre auch die Familie mit den zwei Kindern aufgeschmissen, die direkt neben der Tür wartet. "Dabei habe ich sogar Arbeit, doch es reicht trotzdem nicht", verrät der Vater frustriert und öffnet seine große Plastiktüte. "Und jetzt bin ich sogar hier gelandet." Verschämt schaut er sich um. Es ist offensichtlich: Der Mann würde sich am liebsten in Luft auflösen. Wie so viele andere auch. Und daran ändern weder die freundlichen Helfer noch die neuen Räume etwas.
Quelle: Recklinghäuser Zeitung
