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Unter "bunten Menschen"
Familie Fakhri musste auf ihrer Flucht vor den Taliban alles hinter sich lassen, was sie in Afghanistan ausmachte
Von Theresa Breuer
Marghoba (l.) und Mediena haben sich eingelebt,
gehen hier zur Schule und studieren.
Ihre Heimat Afghanistan können und wollen
sie aber auch Tausende Kilometer entfernt, nicht vergessen.
Foto: Nowaczyk
Die Tür des Transporters, der sie quer durch das riesige Land gekarrt hatte, fiel scheppernd hinter den Kindern ins Schloss. Die Männer, die Marghoba und ihren nur wenig älteren Bruder nach Deutschland bringen sollten, hatten sie aus dem Auto geschubst. Die Kinder landeten auf der Straße, irgendwo im deutschen Ödland.
Ohne Eltern, die sie zur Tante nach Bonn hätten lotsen können, die sich zwar auch nicht auskannten in diesem Land, von dem sie sich erhofften, dass es ihnen Asyl gewähren würde. Sie wären zumindest nicht allein gewesen. So standen sie auf einer Landstraße "irgendwo bei Minden" und verstanden nicht, was die Leute zu ihnen sagten. "Wir sahen dementsprechend aus", sagt Marghoba. Sie war sieben Jahre alt, es war ihre erste Begegnung mit Deutschland - wohin der Vater die Kinder krank vor Sorge hatte bringen lassen. Er hatte sich wohl oder übel auf windige Geschäftsleute in Russland eingelassen und dafür bezahlt, dass sie Frau und Kinder in Sicherheit brachten.
Die Flucht der Familie begann nicht erst in diesem großen, fremden Land, von dem die Kinder heute wissen, dass der "Vater dort reingelegt wurde". Es war nur eine Zwischenstation. Familie Fakhri stammt aus Afghanistan und war 1997 vor den aufkeimenden Unruhen, ausgelöst durch die Machtübernahme der Taliban, geflohen.
"Von einem auf den anderen Tag waren die Schulen geschlossen", erinnert sich Marghoba Fakhri (21). Ihre jüngere Schwester Mediena (18) kann sich kaum erinnern, sie war vier. Die Raketen, erzählt die Ältere bei einem Besuch in der Wohnung der Familie Fakhri, hört sie noch immer. "Die Menschen sind gerannt, haben sich verschanzt." Die Eltern wussten, sie müssen ihre Heimat verlassen, wollen sie das Leben ihrer fünf Kinder retten.
Afghanistan, sagen die Mädchen, die länger in Deutschland leben als in ihrem Geburtsland, bedeutet ihnen immer noch viel. "Afghanistan hat eine lange Geschichte", sagt Marghoba. Sie will, dass man versteht, was die Eltern aufs Spiel gesetzt haben. Alles nämlich. Ihr Leben, ihre Existenz damals in Kabul, die Stadt, die in Deutschland meist mit schrecklichen Nachrichten in Verbindung gebracht wird. Es gab auch schöne Zeiten, sagt sie. Der Vater hat immer wieder davon erzählt. In Deutschland sollte das alles aber erstmal nichts wert sein. Dass es der Familie besser ging als vielen Landsleuten, haben die Kinder selbst bemerkt. "Wir gingen alle auf eine Privatschule." Auch die Mädchen. Was für den Großteil der Bevölkerung nicht nur nicht möglich, sondern auch unerhört war, war für die Fakhris selbstverständlich. Die Töchter sollten die gleichen Chancen haben wie die Söhne. Der Vater hatte eine eigene Kfz-Werkstatt und brachte die Familie durch.
Dann kam der Krieg und die Fakhris mussten alles hinter sich lassen, was sie ausmachte. Sie hatten immerhin die Möglichkeit. "Von der armen Land-Bevölkerung konnte das niemand", sagt Marghoba. Die Flucht führte die Familie über Pakistan und Russland, wo der Vater arbeitete, um Leute zu bezahlen, die die Familie nach Deutschland bringt. Er wurde nicht nur einmal betrogen. Irgendwie schafften sie es, aufgeteilt und in Etappen. Marghoba und ihr Bruder, die Mutter mit Mediena und einem weiteren Bruder. Eine Schwester kam über eine Organisation und sollte adoptiert werden.
Es dauerte, bis die Familie wieder zusammen war. Der Vater kam zum Schluss, als er sich selbst endlich ein Ticket leisten konnte. In Recklinghausen kamen sie im Übergangswohnheim an der Vinckestraße unter. Vier Jahre lebten sie dort. Bis die Kinder krank wurden. "Es gab nichts, wovor wir nicht Angst hatten", sagen die Schwestern. Wenn nur jemand anklopfte, seien sie zusammengezuckt.
Irgendwann hätten sie sich gefragt, warum sie eigentlich "in der Ecke gelagert werden." Marghoba sagt: "Da waren keine Deutschen, nur bunte Leute." Ihre Verbindung zum neuen Land? "Frau Bongers", sagt Marghoba. Die Sozialarbeiterin vom Sozialdienst katholischer Frauen hat dafür gesorgt, dass sie Zugang zu Kindergarten, Schule, den Behörden, Ärzten und der Sprache bekommen. "Ich weiß nicht, wie sie das geschafft hat", sagt Marghoba anerkennend. "Wir haben doch nichts verstanden." Die Kinder immerhin, meint die ältere Fakhri-Schwester in der Rückschau, hätten sich eingelebt. Bei den Eltern klappte das weniger gut. Wertvolle Zeit sei verloren gegangen, weil ja alle glaubten, sie gingen irgendwann zurück. Deshalb haben sie die neue Sprache erst gar nicht gelernt. "Für meine Eltern war das schwierig." Vor allem wegen der ständigen Angst, wieder abgeschoben zu werden. Sie hält bis heute an. Obwohl sie eine Aufenthaltserlaubnis haben, der Vater arbeiten darf und sie ohne Unterstützung leben.
Die Sorge der Tochter: "Wir Kinder sind groß. Man weiß nicht, was noch kommt." Und die Lage in ihrer Heimat schätzt sie immer noch kritisch ein. Vor zwei Jahren war sie einmal mit ihrer Mutter dort: "Man sieht keine Fortschritte. Ich glaube nicht, dass Afghanistan auf einem guten Weg ist. Leider. Die Taliban sind zwar weg, aber das Volk ist zurückgeblieben." Den Afghanistan-Einsatz des Militärs findet sie deshalb zumindest in Teilen gerechtfertigt: "Ich habe deutsche Soldaten gesehen, die bemühen sich - auch die Sprache der Menschen zu sprechen. Sie laufen auch mal in Zivil herum. Wenn die Amerikaner aber schwer bewaffnet an Gemüsehändlern vorbeigehen, macht das keinen guten Eindruck."
Marghoba ist stolz, Afghanin zu sein und Muslima. Deshalb sei es ihr so wichtig, einen Moslem zu heiraten. Ihre Herkunft ist Teil ihres Lebens. Das vergessen sie in der Familie auch Tausende Kilometer entfernt von Kabul nicht. Die jüngere Schwester nickt. Mittlerweile hat Marghoba die deutsche Staatsbürgerschaft, hat Abitur gemacht, studiert. Den Eltern, sagt sie, hätten Werte und Normen der Deutschen gefallen, und der Sozialstaat habe ihnen Hoffnung gemacht. Mittlerweile seien auch sie angekommen. Auch wenn ihnen einiges suspekt war am Anfang und manchmal noch ist. Frauen in "Männerberufen" zum Beispiel. "Sie haben verstanden, dass es um die freie Entfaltung geht." Manchmal sagen sie aber noch zu ihren Kindern: "Ihr seid doch keine Deutschen." Ihnen fällt alles etwas schwerer als den Töchtern und Söhnen. Ihre Kinder bauen sich gerade die erste eigene Existenz auf - wie sie vor Jahren in Kabul. Mediena macht nächstes Jahr Abitur, Marghoba studiert Medizin. Sie will Kindern helfen.
Daten und Fakten zu Afghanistan:
- 29,8 Millionen Menschen leben in Afghanistan (652 230 km²), 20 % davon in den Städten. Größtenteils ist A. schwer zugängliches Hochland.
- Die Analphabetenrate liegt bei 70 Prozent, 90 Prozent der Frauen können nicht schreiben und lesen. In den 90er-Jahren verpflichteten die Taliban Frauen zum Tragen der Burka, was 2001 aufgehoben wurde.
- Die Taliban beherrschten von 1996 bis 2001 große Teile Afghanistans.
- Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde das Taliban-Regime durch die vornehmlich von den USA geführte militärische Intervention gestürzt.
- Ende 2001 beschloss der Deutsche Bundestag, Soldaten im Rahmen des internationalen NATO-Einsatzes nach Afghanistan zu schicken. Die Soldaten, so formuliert es die Bundesregierung auf ihrer Homepage, sollten vor allem Sicherheit ins Land bringen, beim Wiederaufbau helfen. Von Krieg sprach kaum einer. Trotz unzähliger Todesopfer auf allen Seiten. Nicht zuletzt seit dem Luftangriff vom 4. September 2009, bei dem afghanische Zivilisten starben, steht der Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch in der Kritik.
- Ende 2014 soll es, laut Bundesregierung, keine internationalen Kampftruppen mehr in Afghanistan geben.
Quelle: Recklinghäuser Zeitung
