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Zu wenige Wohnungen, steigende Mieten

Anlässlich des „Tags der Wohnungslosen“ am 11. September blickt der SkF auf den angespannten Wohnungsmarkt in Recklinghausen.

Viele Klienten finden sehr schwer eine Bleibe, hören die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter immer wieder in den Gesprächen im Rahmen der Beratung und Hilfe. Der Ortsverein unterstützt daher die aktuelle Caritas-Jahreskampagne „Jeder Mensch braucht ein Zuhause“.

Wohnungslosigkeit gehört zu unserer Wohlstandsgesellschaft. Es gibt zu wenige Wohnungen und steigende Mieten, daher ist ein Dach über dem Kopf zu haben, ein knappes Gut geworden. Auch Frauen sind wohnungslos, sie sind nur seltener auf der Straße zu sehen als Männer. Sie übernachten bei Freundinnen und Partnern. Sie verdecken so ihre Lage, nehmen eine von Gewalt geprägte Beziehung in Kauf, weil sie keine geeignete Wohnung für sich und die Kinder finden.

Gasthaus-Pfarrer Ludger Ernsting schätzte zuletzt die Zahl der Menschen in Recklinghausen ohne feste Bleibe auf 40 ein. Die Probleme, eine gute, angemessene Wohnung zu finden, sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Längst sind nicht nur Randgruppen betroffen. Wohnungen werden luxussaniert, Mieten steigen stark, die Bewohner müssen ihr langjähriges Zuhause verlassen. Häufig finden sie keine neue Wohnung, die sie sich leisten können. Das Zuhause und das soziale Umfeld drohen, verloren zu gehen. Am Ende sitzen einige vielleicht auf der Straße.

In Recklinghausen liegen die Probleme laut dem offiziellen „Handlungskonzept Wohnen“ nicht anders. Ein „erheblicher Teil“ der leer stehenden Wohnungen ist nicht mehr „marktgängig“ und kann nicht vermietet werden. Die Zahl der Sozialwohnungen nimmt stetig ab, weil immer mehr Einheiten aus der Bindung fallen. Eigentümer können dann höhere Mieten verlangen. Bis 2025 soll der mit Bundes- oder Landesmitteln geförderte Wohnungsbestand in Recklinghausen um 1.200 Wohnungen sinken. Das im Auftrag der Stadt erstellte Konzept fordert zum Ausgleich 120 neue Wohnungen pro Jahr ein. Zuletzt wurde diese Zahl jedoch mehrfach nicht erreicht.

Der SkF steht Menschen, die von Wohnungsnot betroffen oder bedroht sind, mit vielen direkten Hilfs- und Beratungsangeboten zur Seite. In der Medizinischen Hilfe für Bedürftige (MHB) können sich Wohnungslose und andere Bedürftige zweimal im Monat ärztlich versorgen lassen. Sie müssen dafür nichts zahlen, niemand muss seinen Namen sagen und die bürokratischen Auflagen sind minimal. Die ehrenamtliche Ambulanz am Neumarkt 34 ist zugleich angebunden an die allgemeine Sozialberatung des SkF. „Bei Bedarf können wir eine Tafelkarte ausstellen, die zum vergünstigten Einkauf von Lebensmitteln im Laden an der Herner Straße berechtigt“, erklärt MHB-Leiter Pascal Thyron. An vier Tagen in der Woche öffnet im Süder Stadtteilbüro der „Mittagstreff“. Wer wenig Geld hat, zahlt einen Euro für die in Gemeinschaft eingenommene warme Mahlzeit. Im „Café Süd“ gibt es an jedem Mittwochnachmittag Kaffee und Kuchen.

„Wohnen ist ein Grundrecht“, betont Daniel Ruppert, Koordinator der sozialen Hilfe beim SkF. Viele müssen dafür aber kämpfen, weiß er aus seiner Beratung. Eine psychisch kranke Frau, die zudem von ihrem Mann bedroht wird, sucht seit drei Monaten eine Wohnung. „Trotz intensiver Suche und hohem Leidensdruck ist es uns noch nicht gelungen, für sie etwas zu finden“, sagt Ruppert. 50 m² mit Balkon sind schwer zu finden. „Das ist kein hoher Anspruch, auch wenn das Jobcenter die Miete finanziert“, sagt Ruppert. Zudem mache ein späterer Umzug nicht nur Stress, sondern koste auch Geld. „Renovierung, eine Küche und der Anschluss der Geräte müssen bezahlt werden. Eine Übergangslösung ist da nicht immer ratsam. Die Wohnung sollte auch nach Jahren gefallen.“

Auch im Fachbereich der gesetzlichen Betreuung stößt Koordinatorin Wiebke Janssen immer wieder auf Einschränkungen des Wohnrechts. So sah sich eine alleinerziehende Mutter eines einjährigen, schwerkranken Kindes sehr privaten Fragen der Wohnungsgesellschaft ausgesetzt, die zur Besichtigung gleich mit Sozialarbeiter und Quartiersmanager gekommen war. Welche Medikamente sie denn nehme, ob sie in fachärztlicher Behandlung sei und wie sich denn die Erkrankung zeige, wollten die Vertreter des Immobilienunternehmens wissen. „Sie sollte sich komplett erklären, obwohl das gar nichts zur Sache tut“, berichtet Wiebke Janssen.  

In der Beratung im Rahmen der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe beim SkF stellt Sozialarbeiterin Birgit Hoffmann fest, dass gerade alleinerziehende Frauen nach Scheidung und durch ausbleibende Unterhaltszahlungen in finanzielle Not geraten. „Wenn sie sich dann scheuen, Unterstützung in Anspruch zu nehmen, droht der Verlust der Wohnung, weil die Miete nicht mehr gezahlt werden kann“, sagt Birgit Hoffmann. Der SkF hilft dann bei der Bewältigung des alltäglichen Lebens. „Gerade für Kinder ist es tragisch, wenn sie nicht nur ein Elternteil verlieren, sondern auch noch aus ihrem sozialen Umfeld herausgerissen werden, sie vielleicht sogar die Schule wechseln müssen.“

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