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Wenn das Einkommen nicht zum Leben reicht / "Tag der offenen Tür" in der Tafel

Seit 20 Jahren lindert die Recklinghäuser Tafel in der Trägerschaft des SkF Armut und rettet Lebensmittel. Am Donnerstag, 17. Oktober, kann die Einrichtung an einerm Tag der offenen Tür erkundet werden.

Es klingt nach einer abgedroschenen Wortspielerei. „Am Ende des Geldes ist noch Monat über.“ Aber für viele Recklinghäuser Familien ist es die blanke Realität. An jedem Monatsende fällt es ihnen schwer, selbst das Allernötigste einzukaufen. Armut hat seinen Platz in unserer Stadt. Allein rund 1.600 Menschen decken sich mit Lebensmitteln aus der „Recklinghäuser Tafel“ ein. Ihr Einkommen würde ansonsten nicht reichen. Die Einrichtung in der Trägerschaft des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) eröffnete heute vor 20 Jahren. Kein Grund zu feiern, aber ein Grund für den Verein für eine besondere Aktion.

Der SkF und seine vielen Ehrenamtlichen laden für Donnerstag, 17. Oktober, am Internationalen Tag für die Beseitigung der Armut, zum „Tag der offenen Tür“ in den Tafelladen an der Herner Straße 47 ein. In seiner 20-jährigen Geschichte musste der Laden nie geschlossen bleiben, weil es keine Ware gab. „Unsere Kunden konnten sich immer darauf verlassen, Lebensmittel einkaufen zu können. Und das, obwohl alles in ehrenamtlicher Arbeit geleistet wird“, betont Daniel Ruppert, Koordinator der Tafel.

Die Bilanz der Schuldnerberatung des SkF fällt nicht weniger eindringlich aus. Jährlich steigt die Zahl der Ratsuchenden. Betroffene melden sich bei Fachbereichskoordinatorin Wiebke Janssen und ihrem Team, weil sie nicht mehr weiter wissen. Die Schuldenlast ist einfach zu groß. Dabei haben sie sich schon eingeschränkt. Sie gehen nicht mehr aus, nicht ins Kino und in kein Konzert. Das Auto: abgeschafft. Und die Busfahrkarte kann sich der Personenkreis auch nicht immer leisten. „Oft igeln sich Menschen dann ein und leiden unter dem Schuldenberg“, sagt Wiebke Janssen.

In der Statistik gilt als arm, wer mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens auskommen muss. Fast jeder Fünfte in Recklinghausen ist betroffen. In Armut zu rutschen, ist schnell geschehen, weiß Tafel-Koordinator Daniel Ruppert: „Typische Auslöser sind der Arbeitsplatzverlust, oder wenn der befristete Arbeitsvertrag nicht wie erwartet verlängert wird, oder auch eine Krankheit. Nicht nur körperliche, sondern auch seelische wie eine Depression.“ Spätestens wenn dann das Arbeitslosengeld I ausläuft, wird es brenzlig. Dann muss über Jahre mühevoll angespartes Geld fürs Alter aufgebraucht werden, erst dann besteht Anspruch auf Arbeitslosengeld (ALG) II.

Daniel Ruppert weiß genau, dass in Recklinghausen viele Menschen in Altersarmut leben. „Unter den Tafelkunden gibt es zwar nur einen leichten Anstieg bei Menschen über 60 Jahre.“ Repräsentative Zahlen seien aber eindeutig: Im Kreis Recklinghausen hat sich die Zahl der Menschen, die neben ihrer Rente auf staatliche Grundsicherung angewiesen sind, in den vergangenen zehn Jahren verachtfacht. „Altersarmut ist auf dem Vormarsch“, schließt Ruppert.

Die Kundinnen und Kunden der Tafel versuchen, mit ihrem geringen Einkommen zurechtzukommen. Sie wollen keine Schulden machen - oder sie zumindest auf keinen Fall weiter erhöhen. Sie kaufen in der SkF-Einrichtung, was andere nicht kaufen wollen: das Brot vom Vortrag, die Lebensmittel in leicht beschädigter Verpackung oder kurz vor Ablauf der Mindesthaltbarkeit. Dabei steht fest: Qualitativ sind Obst, Gemüse, Milch und Milchprodukte einwandfrei. Wer seine Bedürftigkeit nachweist, kann sich mit seinem Einkauf in der Tafel weiter gesund und abwechslungsreich ernähren.

Ehrenamtliche organisieren die Nothilfe. Täglich wechseln sich Teams ab, holen morgens bei aktuell 70 Lieferanten die gespendeten Lebensmittel ab, sortieren die Ware und übernehmen am Nachmittag den Verkauf. Die Tafel-Idee, Nahrungsmittel, für die niemand mehr Geld ausgeben will, an Menschen in finanzieller Not zu verteilen, stammt aus den USA. Die erste Tafel in Deutschland gründete sich 1993 in Berlin. Sechs Jahre später ging in einem früheren Kiosk an der Salzburger Straße in Hillerheide die erste Tafel im Kreis Recklinghausen an den Start. Heute nutzen die Ehrenamtlichen eine Halle im Hinterland der Herner Straße. „Für uns als Sozialverband sind die Rettung der Lebensmittel und deren Weitergabe an Menschen mit bedürftigem Hintergrund eng miteinander verbunden“, sagt Ruppert.

Die Bundestafel als Dachgesellschaft von derzeit 940 Tafeln und mehr als 60.000 helfenden Menschen macht sich dafür stark, die Lebensmittelverschwendung zu stoppen und Sozialleistungen zu erhöhen. Dann bräuchte die Gesellschaft die Institution Tafel nicht mehr. Solang dies aber nicht geschieht, versehen Tafeln einen wichtigen Dienst. Auch in Recklinghausen.

INFO Wollen Sie die Tafel mit haltbaren Lebensmitteln oder einer Geldspende unterstützen oder selbst ehrenamtlich aktiv werden, dann melden Sie sich einfach bei Tafel-Koordinator Daniel Ruppert, Tel. 02361/ 31302, E-Mail: daniel.ruppert@skf-recklinghausen.de, oder auch hier.

Alles zum „Tag der offenen Tür“ in der Tafel
In der „Recklinghäuser Tafel“ an der Herner Straße 47 (Zugang Torbogen „Tillmannn“ oder über den Parkplatz von „City Fitness“) findet am Donnerstag, 17. Oktober, von 13 bis 17 Uhr ein „Tag der offenen Tür“ statt. Zur Eröffnung wird Bürgermeister Christoph Tesche erwartet. Alle halbe Stunde starten Führungen durch die Einrichtung. Bürgerinnen und Bürger können so hinter die Kulissen blicken – von der Annahme der gespendeten Ware bis zum Tresen, an dem die Lebensmittel gegen kleines Geld an Menschen in finanzieller Not ausgegeben werden. Außerdem stellt die SkF-Schuldnerberatung ihr Hilfsangebot vor. Die Fachleute geben Tipps: Wie erstelle ich einen Haushaltsplan, um Einnahmen und Ausgaben überwachen zu können? Wie spare ich beim Kochen und ernähre mich dabei trotzdem gesund? Bei einem Quiz gibt es kleine Preise zu gewinnen.

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